Das große Warten

meltis / pixelio.de

A. Das Warten
Vorweg: Ich habe schon im Krankenhaus angefangen, Emotionen, Eindrücke und (wahrscheinlich nicht ganz 1:1 stimmig) den Ablauf der Geburt und auch das danach aufzuschreiben. Irgendwie musste ich diese ganze Reizüberflutung loswerden und das kann ich eh immer am besten, indem ich einfach schreibe. Deshalb ist der „Geburtsbericht“ nun auch ein wenig länger geworden und somit habe ich beschlossen, in mehreren Etappen zu bloggen. Der erste Teil folgt im Anschluss, wann ich weitertippe, kann ich noch nicht sagen, gerade habe ich aber ein paar Minuten Luft und nutze die ganz für mich alleine – und doch mit Blick aufs Wohnzimmer gerichtet, wo Mann auf Sofa, Sohn auf Mann und Kater irgendwo dazwischen friedlich schlummern.

Mittwoch, 03. November 2010, 05:31 Uhr

Es ist also soweit. Ich bekomme mein Baby! Nicht jetzt sofort natürlich, sonst würde ich mir gerade bestimmt keine Notizen machen. Es wird aber nicht mehr allzu lange dauern…
Gestern Abend um ca. 23 Uhr liege ich (so gut es mit Kugelbauch geht) an Mann gekuschelt im Bett, beide sind wir fast eingeschlafen… (5:41 – Wehe veratmen) … da macht es PLOPP und ich laufe aus. Ich spüre also, wie es zwischen meinen Beinen warm und feucht wird und sage nur „Oh-oh! Ich glaub, meine Fruchtblase ist gerade geplatzt…“, lache etwas hilflos und „springe“ auf, presse mir die Hände zwischen die Beine und „sprinte“ zum Klo. Vom Mann kommt nach ein paar Sekunden erst ein ungläubiges „Echt jetzt???“ und kurze Zeit später „Nee, man, ich will pennen.“ worauf ich auf dem Klo sitzend laut anfangen muss zu lachen. Dadurch kommt ein weiterer Schwall Fruchtwasser und ich fange an, vor Aufregung zu zittern und kann auch nicht mehr damit aufhören.
Ein bisschen motzig brummel ich vor mich hin, dass ich jetzt absolut keine Lust habe, in die Klinik zu fahren, ich will eigentlich nur wieder ins warme, kuschelige Bett, hmpf! Aufgeregt bleibe ich aber weiterhin und stehe zähneklappernd im Schlafzimmer, schaue mich um und beschließe, erst einmal meine Mutter anzurufen. Nach ein paar beruhigenden Worten lege ich auf und setze mich an den PC, um den Nachteulen Bescheid zu geben und verschicke gleichzeitig ein paar SMS an die wichtigsten Leute. Dann stehe ich auf, schaue mich noch einmal im Schlafzimmer um und verkünde dem müden Mann, dass ich noch nicht los könne, ich müsse die Wohnung erst noch putzen. Ja. Putzen. Jetzt. Wo ich alle fünf Minuten aufs Klo renne, weil ein neuer Schub Wasser aus mir herausläuft. (Wie beknackt )
Gut. Mann merkt, ich bin gerade viel zu wuselig, um mich anzuziehen und sagt nur „Okay, lass uns das Geschirr spülen.“ – Gesagt, getan stehen wir in der Küche und spülen und mir geht es besser. Absurd!
Danach gehe ich noch fix unter die Dusche, schreibe die Nummer meiner Hebamme heraus, packe ein paar letzte Sachen ein und ziehe mich an (bzw. lasse mich anziehen *kihi*).
Auf einmal muss ich mit den Tränen kämpfen, kralle mir den Kater und drücke ihn, was das Zeug hält. Fast, als würde ich ihn für Wochen alleine lassen. Scheiß Hormone… Mann nimmt mich in den Arm und drückt mich, sagt mir, dass alles gut wird und mir geht es besser.
5 Minuten Autofahrt
5 Minuten bis zum Kreißsaal laufen
Klingeln
Freundlich von der Hebamme empfangen werden
Ausziehen, untersucht werden und dabei wieder jede Menge Fruchtwasser verlieren
CTG, Ultraschall und Blutabnahme
Gespräch mit der diensthabenden Ärztin
Aufnahme auf Station
Es heißt nun, ich stehe bis zwölf Uhr Mittags unter Beobachtung, da ich noch keine Wehen habe und dann sehen wir weiter. Woche 36+5 – mittlerweile +6 – noch offiziell ein Frühchen… Der Mann wird zur Anmeldung geschickt, während die Hebamme mir noch einmal den nächsten Ablauf erklärt. Dann werden wir in den 13. Stock geschickt, in „mein“ Zimmer. Mein Mann muss nun wieder heim und mir kommen (schon wieder) die Tränen. Aber in ein paar Stunden ist er ja wieder da. Ich verkrümel mich also ins Bett und stöpsel mir Musik an, an die ich Gott sei Dank noch gedacht habe und sehe mir Fotos an, die auf meinem Handy gespeichert sind. Wollte dann noch schnell meinen Mann anrufen, damit er mir die Prepaid-Karte auflädt. Ich erwähnte bereits? Scheiß Hormone!
Auf einmal fängt mein Bauch an, sich unangenehm zusammenzuziehen… War das jetzt doch die erste Wehe? War es keine? Egal, wir ignorieren und gehen statt dessen mit dem Handy in ICQ und noch ein bisschen mit Schwester, R. und Mann schnacken, schlafen kann ich eh noch nicht! Dann ist es ruckzuck drei Uhr morgens und Mann und ich beschließen, ein paar Stunden Schlaf wären doch nicht so schlecht. Ich falle auch wirklich in eine Art Dämmerschlaf, registriere am Rande sogar noch (wie das geht, keine Ahnung), dass diese „Bauchkrämpfe“ alle zehn bis zwölf Minuten kommen und döse also bis gerade eben so vor mich hin.
Aufstehen
Toilette, wieder Fruchtwasser
Block und Stift suchen und anfangen zu schreiben (Zeit totschlagen)
Jetzt ist es 6:17 und ich denke, ich klingel mal nach der Schwester, damit geklärt wird, ob das jetzt Wehen sind, oder nicht (okay, ich bin mir ja eigentlich sicher, dass das Wehen sind, aber man kann ja nie wissen [edit: is lustig, das von sich selbst zu lesen… welch “dumme” Gedanken ich so hatte]). Bis später!
B. Danach
Ja, danach. Chronologisch gibts nicht. Ich tippe hier quasi nur das ab, was ich während meines Krankenhausaufenthalts aufgeschrieben habe. So wies grad aus dem Kopf in die Finger aufs Papier wollte.
Jetzt ist es 2:38 am Morgen des 5. 11. Vor einer halben Stunde habe ich meinen Sohn gestillt und gefüttert. Mein Sohn. Mein wunderschönes, vollkommenes Baby.
Schon verblasst der ganze Stress, der ganze Schmerz und die Angst. Sobald ich dieses winzige Wunder betrachte, weiß ich, dass alles wahr ist, dass alles gut ist, dass wir nun wirklich unseren Sohn bei uns haben. Und genau jetzt drohen die Gefühle das erste Mal mich zu überwältigen, während Lukas neben mir gerade schmatzend aus dem Milchkoma erwacht und mich (jaja, ich bilde mir das nur ein blabla) mit großen Augen ansieht. Da muss ich wohl den Geburtsbericht etwas nach hinten schieben, jetzt ist erst einmal kuscheln, knuddeln, streicheln, riechen und abgöttisch lieben angesagt.
=)
C. Auf ein Neues

Ich werde also vom 13. Stock in den Fünften geschickt. Kreißsaal. Dort klingle ich und warte auf eine Hebamme, die mich hinein lässt. Nach meiner verpeilten Erklärung „Ich glaub, ich hab jetzt Wehen, aber vielleicht täusch ich mich auch *wien Busbahnhof guck*…“ werde ich ans CTG angeschlossen.
Ich habe also wirklich Wehen. Gut, muss nichts eingeleitet werden. Muttermund ist 2cm offen – boah tat das weh, als die Hebamme da ihre Finger reinsteckt, und den Bauch gleichzeitig abtastet, aua! Ich bleibe vorerst ans Gerät angeschlossen und übe derweil das Veratmen, sonst habe ich ja gerade nicht viel zu tun.
Die Hebammen schlagen mir einen Einlauf  und danach den Wehentropf vor, damit der Vorgang beschleunigt wird, da der Blasensprung nun doch schon eine Weile her ist. Ich sage nur „Alles klärchen, alles was nötig ist.“ und wir reden noch kurz über PDA etc. Ich erkläre, dass ich die PDA eigentlich vermeiden will und erst Pflanzliches ausprobieren möchte, wenn möglich aber ganz ohne versuchen will.  Ich merke, dass ich Hunger kriege und frage, ob ich denn noch was essen könne, worauf hin mich die Hebammen zum Frühstücksbuffet schicken . Fein, fein, ich packe mir den Teller gehörig voll, watschle in mein Zimmer und freue mich. Aber die Augen waren mal wieder zu gierig, ich schaffe gerade ein halbes Brötchen, da habe ich schon keinen Appetit mehr… Die Uhr sagt mittlerweile auch acht Uhr morgens, okay, kurz nach acht soll ich wieder im Kreißsaal sein, also mache ich mich wieder auf den Weg nach unten – verlaufe mich natürlich ein bisschen in diesem Krankenhauslabyrinth, aber das ist eine andere Geschichte xD – und bin tatsächlich einigermaßen rechtzeitig wieder da.
Die Wehen werden jetzt aber kontinuierlich stärker, ich werde wieder angeschlossen, das Gerät zeigt jedoch weiterhin fast keine Wehentätigkeit an. Für eine Sekunde denke ich „Oh Gott, du bist soooo ein Weichei!“ – da schaut mich eine der beiden Hebammen, die mich während der gesamten Geburt begleiten werden verständnislos an und fragt: „Und wieso glaubst du jetzt, du bist ein Weichei?“
Äääääh, ups, laut gedacht, lalala. Ich sage ihr, dass die Wehen doch geringfügig weh tun, aber ja fast nichts ausschlägt und ich wohl total verweichlicht bin. Sie kontrolliert das Gerät und stellt auch prompt fest, dass mit mir alles okay ist, ich KEIN Weichei bin und die Technik einfach nicht richtig funktioniert. Typisch!
In der Zwischenzeit trudelt auch Mann ein, der mindestens genauso fertig und übernächtigt aussieht wie ich (jaja, die lieben Nerven) und mir geht es gleich viel besser, hauptsache er ist da. <3
Nun ja, dann sind wir irgendwann in einen Kreißsaal gewandert, den Einlauf und den Wehentropf brauche ich nicht mehr, ging dann doch alles ganz fix weiter und ich darf mich wieder hinlegen, auf diesen tollen Stuhl . Der Mann war richtig toll, hat sich immer darum gekümmert, dass ich genug trinke, hat meine Hand gehalten oder mir mal über den Kopf gestreichelt und war ansonsten ziemlich ruhig – genau das, was ich gebraucht habe. Die Schmerzen nehmen mittlerweile immer mehr zu und ich habe das Gefühl, dass sie teilweise minutenlang anhalten, bevor ich wieder verschnaufen kann. Stets werde ich daran erinnert, schön in den Bauch zu atmen, alles für das Kind. Ich lasse nun meine Augen meist geschlossen, nur wenn ich das Gefühl habe, Galle zu spucken, reiße ich die Augen auf und sage/schreie (kann ich nicht mehr sagen) „Schale!“ oder „Wasser!“.
Zwischendurch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich dem Mann solche Befehle entgegen belle, aber ihm scheint das nichts auszumachen, zumindest strahlt er wie eh und je die Ruhe selbst aus, mein Ruhepol eben. <3
Doch als ich irgendwann zwischen zwei Wehen mal die Augen aufmache und ihn anblinzle, sehe ich, dass er Tränen in den Augen hat und kurze Zeit später kriege ich so am Rande mit, wie er aufspringt und nur sagt „Ich muss jetzt mal raus!“. Weg war er, aber ich bin ihm nicht böse, ich stelle mir das schrecklich vor, wenn ich mit ansehen muss, wie der Partner da Schmerzen hat und man selbst nicht wirklich etwas tun kann. Außerdem geht es ja auch noch um unseren Sohn…
Hebamme Marlene (eine zuckersüße junge Hebi, die heute ihren ersten Arbeitstag in der Klinik hat) setzt sich derweil an Manns Platz, hält ab und an mal meine Hand und flüstert mir ins Ohr „Du machst das super, weiter so!“. Hebamme Inga hingegen gibt mir weiterhin strikte Befehle „Tief in den Bauch atmen!“ oder „Ruhig bleiben!“ oder „Auf die andere Seite drehen“ und ab und zu untersucht sie den Muttermund (aua aua aua!!!).
Ich kann es kaum fassen, aber die Schmerzen werden NOCH schlimmer. Da meint Inga, dass ich nun noch die Möglichkeit hätte, mir die PDA legen zu lassen und dass sie mir das raten würde, auch wenn ich das vermeiden wollte und sie auch lieber ohne arbeiten würde. Ich bin mittlerweile so dermaßen am Ende, dass ich sage „Ja, okay, machen wir das so, geht klar, …“
Gesagt, getan warten wir (eine gefühlte Ewigkeit) bis die Herren Anästhesisten endlich eintrudeln und ich darf mich hinsetzen, was mich sehr viel Anstrengung kostet und irgendwie ist es mir peinlich, dass ich immer wieder wegen Wehenschmerzen Pausen einlegen muss… Ich Doofnuss! Ich soll nun schön den Rücken krümmen und dann legt der Herr los. Hm, schlimm ist es nicht, aber hört sich schon irgendwie gruselig an, das ganze Geknacke oO. Auf einmal höre ich ein leises „Das ist nicht gut“ hinter mir, der Anästhesist flucht leise vor sich hin und sagt dann zu irgendjemandem „Es wurde eine Vene getroffen, da kommt Blut, wir können da nichts legen“ und dann zu mir „Wir müssen leider noch einmal von vorne anfangen“… Und mir rutscht raus „Is mir egal, macht nur hinne, ich will nicht noch länger warten!“ – ah >.<, voll mies!
Gut, im zweiten Anlauf hat‘s dann doch geklappt und jetzt dauert es angeblich weitere 20 Minuten, bis das ganze Zeug wirkt, ich bin gespannt! Weiterhin habe ich die Augen geschlossen, darf mich nun wieder hinlegen und irgendwie ist Mann immer noch nicht wieder da. Ich bekomme einen Panikflash und sage „Der Mann muss jetzt hier sein, er soll herkommen.. HOLT IHN HER!“ Ich höre mich mittlerweile auch selbst schreien bei vielen Wehen, und ich versuche mich noch mehr zu konzentrieren. Ruhig atmen, nicht schreien, keine Panik, denk an dein Asthma, das bringt nichts! Aber ich kann mich immer weniger kontrollieren.
Mann taucht in der Zwischenzeit wieder auf, ich stelle nebenbei fest, dass er doch ziemlich blass aussieht und er tut mir unendlich leid… Dann packe ich seine Hand und quetsche, als die nächste Wehe anrollt. „Wie lange muss ich denn noch warten, bis die PDA wirkt?“ frage ich. Daraufhin meinen die Hebammen, dass sie mittlerweile schon wirken sollte, aber ich wissen solle, dass die Schmerzen dadurch ja nicht ganz verschwinden. Ich erwidere, dass ich das weiß, aber ich nicht das geringste bisschen Erleichterung verspüre, die Schmerzen im Gegenteil immer stärker werden!!!
Inga befiehlt „Leg dich auf den Rücken, ich kontrolliere den Muttermund!“ und ich gehorche, kann mir aber das Meckern („ich mag mich net drehen, das tut weh!“) nicht verkneifen, sie ignoriert mich. [Genau SO hab ich mir das übrigens vorgestellt, ich brauchte eine militante Hebamme, die mir Befehle erteilt, schlichte Anweisungen mit dem gehörigen Unterton] Dann stellt sie fest „Muttermund ist bei 9,5cm, noch ein paar Wehen und es kann los gehen!“
Ich schlucke… Jetzt ist es also soweit, bald ist unser Sohn bei uns…
Um 12 Uhr ist der Muttermund bei 10 cm.
Es geht los, Endpsurt…
D. Na Endlich!
„Und jetzt schieben, feste schieben“ – ‘Mit schieben meinst du pressen?’ – „Ja, FESTE.. Und jetzt wieder tiiiief durchatmen, immer schön in den Bauch atmen, denk ans Baby. Gleich ist es geschafft. Gleich ist alles vorbei.“
Gleich? JETZT, ich will dass das JETZT vorbei ist! Ich halt das nicht mehr aus, ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr, lasst mir meine Ruhe!
Das und ähnliche Sätze denke ich, wimmere ich vor mich hin oder blöke ich in den Raum. Ich dachte, am Ende geht alles so schnell? Zack, zack und dann ist der Kopf draußen und der Rest geht dann von selbst…? Pah! Falsch gedacht, Madame. Ich presse und kralle mich an den dafür vorgesehenen Halterungen fest, zerquetsche Manns Hand und heule. Zwischendurch bekomme ich Schüttelfrost artige Anfälle, die immer schlimmer werden, die ich nicht stoppen kann, ich habe einfach keine Kontrolle mehr über meinen ich nicht stoppen kann, ich habe einfach keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Dann schimpft Inga immer wieder mit mir „Nicht atmen! Pressen! Fester, noch ein Stück, ja, ja, ich sehe das Köpfchen!“ – Pause – „Okay, bei der nächsten Wehe dann.“ Und ich denke mir „Meine Güte, ich brauch aber doch auch Sauerstoff!!! Außerdem will ich nicht, dass mein Kopf platzt!“ Immer wieder spüre ich meinen unregelmäßigen Herzschlag und dass ich atmen MUSS, weil ich sonst einen Asthmaanfall bekomme, auch wenn ich weiß, dass ich den Druck konstant halten muss. „Frau XXX, machen Sie die Augen zu beim pressen!“ ich schließe die Augen und Mann flüstert mir ins Ohr „Oder willst du, dass die Augen rausploppen?“ – ich muss lachen.
So geht das eine ganze Weile und ich merke immer mehr, wie meine letzten Energiereserven langsam aufgebraucht sind. Der diensthabende Arzt rauscht ins Zimmer und checkt die Lage. „Das Kind muss jetzt raus, die Herztöne fallen bei den Wehen zu sehr ab.“ sagt er, aber ich kriege das alles nur noch am Rand mit und Gott sei Dank kann mein Hirn sich in diesem Moment keine Sorgen machen.
„Wir versuchen das jetzt mit Saugglocke, Frau XXX!“ Und schon wird wieder an mir herumgespielt, bei der nächsten Wehe presse ich wieder, was das Zeug hält, aber außer NOCH mehr Schmerz tut sich nichts. Der Arzt brabbelt wieder vor sich hin, ich verstehe nichts davon und werde immer ungeduldiger. Ein paar weitere Saugglockenversuche später hat sich immer noch nichts getan und ich falle in ein erschöpftes, motziges, ungeduldiges, panisches Heulen und schnauze herum, dass ich keinen Bock mehr habe und nicht mehr kann, worauf hin von mehreren Seiten nur kommt „Doch, Frau XXX, Sie können und Sie müssen!“
Wieder später – ich habe keine Ahnung, ob‘s nur ein paar Sekunden waren oder länger, mir kommt es wie eine Ewigkeit vor – untersucht Inga die Lage des Kindes, wie der Kopf liegt und so weiter und als sie anfängt den Bauch  abzutasten, habe ich das Gefühl, jetzt, jetzt sterbe ich, so sehr tut es weh. Dann bekomme ich irgendetwas mit von „liegt nicht richtig, hängt fest“ oder sowas und ich schreie in den Raum „Holt den jetzt endlich raus da!!!!“
Danach geht auf einmal alles sehr schnell, der Arzt versucht eine andere Saugglocke, ich presse, was das Zeug hält und spüre, dass da jetzt mehr Widerstand ist, dass da was ist, dass es jetzt endlich weiter geht und durch dieses Wissen angespornt beiße ich noch einmal die Zähne zusammen und presse. „Wir machen jetzt einen Dammschnitt, Frau XXX, sonst klappt‘s wieder nicht.“ – ‘Jaja, macht nur, mir egal, er soll raus!’. Den Schnitt spüre ich nicht, auf einmal ein Ruck und von allen ein erleichtertes „Der Kopf ist draußen“, vom Arzt kommt noch „ein Sterngucker“ und ich denke Du kleiner Sack, hat‘s nicht gereicht, dass du so früh kommen wolltest? Nein, muss ja noch ne zusätzliche Extrawurschd sein für dich, pfaaaah! Doch noch bevor die nächste Wehe einsetzt höre ich ein leises Wimmern und alles, einfach alles steht für einen Moment still… Mein Baby ist da…
Noch einmal presse ich, an mir wird gezogen und dann – 14:17 am Mittwoch den 03.11.2010 – fühle ich mich auf einmal wie schwerelos. Leer. Erleichtert. Einfach glücklich. Die Schmerzen von gerade eben sind egal, alles ist egal, ich giere nach meinen Sohn, ich will ihn sehen, ich will ihn halten, ich will ihn riechen, einfach bei mir haben, da wird er mir auch schon, eingewickelt in ein Handtuch, auf die Brust gelegt. Ich weine still und starre unser Wunder an. Mann macht erst ein Foto von uns beiden, legt dann den Arm um mich und ich fühle mich so glücklich, wie noch nie zuvor. Marlene macht mit meinem Handy schnell noch zwei Fotos von uns dreien und dann muss ich Lukas schon dem Kinderarzt übergeben.
Mann sprintet zum Kinderarzt und begutachtet alles, kann genauso nicht genug von IHM bekommen und ich liege ein bisschen vor mich hin dämmernd einfach so da.
Inga und eine andere Ärztin kümmern sich derweil um die Plazenta, die auch ein wenig Mucken macht, sich nicht lösen will. Der Sohnemann hat die erste Untersuchung über sich ergehen lassen, ohne zu murren und liegt nun wieder auf meiner Brust, nebenbei knetet (das ist lieb ausgedrückt) Inga auf meinem Bauch herum und von unten wird an der Nabelschnur gezogen, damit die Plazenta endlich raus kommt. Irgendwann ist auch das geschafft (es tat zwar weh, aber ich war so abgelenkt von Lukas, es war mir so egal…) und man macht sich ans Nähen.
Dann packt sich irgendjemand – ich weiß nicht mehr wer – Lukas und macht ihn etwas sauber und zieht ihm seine ersten Klamotten an. Nein, sie sagt  „So, der Vater darf gleich mal das Anziehen üben und wir schauen, wie gut er das kann“ – ich hätte total geschluckt, Mann macht aber alles erstaunlich souverän und ich bin ur stolz auf ihn. <3
Wir bleiben noch etwa eine Stunde im Kreißsaal, ich darf Lukas gleich das erste Mal anlegen und er saugt friedlich vor sich hin, ein paar Formalitäten werden erledigt, aber ich kann mich eigentlich nicht mehr genau erinnern, was alles gemacht wurde, mein Universum dreht sich nur noch um den kleinen Mann. Ich werde irgendwann aufs Klo geschickt, danach darf ich mich anziehen, mich in einen Rollstuhl setzen, Lukas halten und werde in mein Zimmer gebracht.
Die nächsten Stunden waren sehr verschwommen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich getan habe – neben Lukas anstarren und fassungslos glücklich sein – aber das ist auch egal. Die Schmerzen waren vorbei. Und im Nachhinein hatte ich wirklich noch Glück. Zwischen Blasensprung und Geburt sind gerade einmal 15 Stunden vergangen. Nicht schlecht für die erste Geburt, würd ich mal sagen. Hätte auch noch stundenlang so weiter gehen können. Ist es aber nicht. Und es ist ja auch egal. Sowas von geringfügig extrem egal.
Lukas, 52 cm, 2820 g, 33 cm Kopfumfang
Und ganz am Schluss möchte ich noch einmal dir danken. Danke, dass du es  durch die Schwangerschaft hindurch mit meinen Launen ausgehalten hast, dass du alles für mich getan hast und dass du bis zum Schluss einfach für mich da warst. Genau so, wie ich das gebraucht habe. Ich liebe dich!
E: Jener Tag aus Sicht von Papa
Etwas „verspätet“, aber dennoch hat der Mann es geschafft, die Geburt aus seiner Sicht niederzuschreiben. Ich bin gerührt.. ! Und musste auch einige Male lachen. Und hey, ich hab die Kliniktasche in der 34. Schwangerschaftswoche gepackt und nicht schon in der 10.!! Viel Spaß euch:
Der Plopp
Es begann nachts. Frau und ich waren gerade am zu Bett gehen und sie versuchte sich und ihre Kugel auf die andere Seite zu drehen als sie jenen Satz sagte, der der Anfang einer verdammt großen Veränderung sein würde: „Ich glaub, meine Fruchtblase is grade geplatzt!“
Mein erster Gedanke war „Sch***e, du hast morgen um 8 Uni…“ Joa und dann ging‘s los. Frau aufs Klo weil‘s lief, wieder runter, wieder drauf, runter, drauf, … So ging‘s dann weiter bis wir irgendwann in der Küche standen und nachts um zwölf unbedingt Geschirr spülen mussten. Nach einer Weile war dann auch das Geschirr gespült und Frau meinte dann, dass es (nach Telefonaten mit Mutter & Schwiegermutter-in-spe) jetzt Zeit wäre, sich auf den  Weg ins KH zu machen. Die Tasche war ja schon seit der 10. SSW gepackt, somit mussten wir nur noch alles einsammeln, iPhone + Klein-Utensilien, die Frau so braucht noch einpacken und dann konnten wir uns auf den Weg machen. Vorteil zu dieser Uhrzeit war, dass ich mir keine Probleme um einen Parkplatz machen musste. (Schon bisschen unverschämt, an nem Krankenhaus vielleicht 50 kostenfreie Parkplätze anzubieten. Alternativ gab‘s nur noch das Parkhaus zu 1€ pro Stunde. Für Besucher ist das ja in Ordnung aber für Arme Studenten-bald Eltern [Hi @ ALG2] find ich‘s unangebracht.)
Naja, jedenfalls war zu dieser Zeit absolut nichts los und wir liefen gemütlich ins Krankenhaus rein. Die Empfangsdame hat uns dann auch auf 100m Entfernung entdeckt und uns schon die Richtung gewiesen.
Dann kamen wir zu >jener< Klingel und klingelten ganz eifrig (Die Klingel ist total verwirrend: Unten ein Pfeil der nach oben zeigt, oben so ne typische Schwestern-Klingel in knall-rot. Und alle Welt drückt natürlich wie blöd auf den Pfeil der schon voll die Abnutzungserscheinungen hat). Die Schwester kam dann auch gleich und wir durften rein.
Drin durfte dann Frau gleich auf die Liege zum CTG und ich wurde mit Zetteln zur Aufnahme geschickt – Denkt man gar nicht wie viele Leute nachts in nem Krankenhaus unterwegs sind.
Wieder zurück lag Frau immer noch auf der Liege und döste so vor sich hin. Dann ging‘s in ein anderes Zimmer wo auch gleich Frau Dr. Verquollene-rote-Augen-weil-müde zu uns kam und ne Ultraschalluntersuchung vornahm. Dann wurde noch ‘ne Nadel in ihren Handrücken gerammt und Frau Dr. Verquollene-rote-Augen-weil-müde hat entschieden, dass erst einmal zwölf Stunden abgewartet und dann neu untersucht und entschieden wird.
Danach gingen wir hoch in den 13. Stock aufs Zimmer. War zum Glück noch niemand drin und Frau entschied sich gleich für den Fensterplatz. Ich bin dann nochmal runter ans Auto um die Tasche zu holen (Ey, die Fahrstühle dort sind sooooo schnell ) Schließlich war‘s dann auch schon um Zwei nachts und wir saßen auf dem Bett und haben noch bisschen gelabert und uns angeschwiegen und die letzten ruhigen Minuten für die wohl nächsten 15-20 Jahre genossen (Später stellte sich heraus, dass ihre Bauchschmerzen die ersten Wehen waren).
So gegen Drei bin ich dann heim und konnte erst einmal nicht pennen. Noch bissl vorn PC und die Müdigkeit hat dann doch gesiegt.
Der Raus-Plopp
Ich hab nicht wirklich lang geschlafen, mir was zum frühstücken gemacht und um kurz nach Acht war ich dann auch schon wieder aufm Weg ins Krankenhaus. Frau lag da schon wieder am CTG und hatte stärkere Wehen. Nach ‘ner Weile ging‘s dann in den Kreißsaal auf das Bett (Ich hab irgendwie immer nur Tisch gesagt, vom OP-Tisch her. Keine Ahnung wie ich da drauf gekommen bin.). Da hab ich auch zum ersten Mal unsere Hebammen I. (die Bestimmende) und M. (die Einfühlsame) bewusst wahrgenommen.
Joa, auf dem „Tisch“ ging es dann ne ganze Weile so weiter, die Wehen kamen immer häufiger und die Zeit rieselte so dahin.
Irgendwann wurden die Schmerzen von Frau doch zu arg und sie entschied sich für ne PDA, da Homöo-Zeugs, Tabletten und Tropf nicht wirklich viel halfen. Bis der Anästhesist dann endlich da war ging auch eine halbe Ewigkeit rum und das war dann auch der Zeitraum, in dem ich mir eine Auszeit gönnen musste. Es tut extrem weh, die Partnerin da hilflos liegen zu sehen, sie windet sich vor Schmerzen und man selbst kann nix dagegen tun. Am Anfang ging‘s noch, ich hab mich abgelenkt indem ich die Blüten an dem Bild an der Wand gezählt hab. Allerdings wurde es dann doch irgendwann zu heftig und ich gönnte mir ne wasserreiche Auszeit aufm Klo.
Als ich dann wieder bei Frau drin war lag die PDA schon und für mich war es wieder erträglicher. Der Muttermund öffnete sich immer weiter, auch die Wehen wurden heftiger und kamen öfters. So war es dann auch für die nächsten zwei Stunden. Die Ärztin kam und ging, genauso der Oberarzt, nur etwas seltener. Frau wollte, dass der Kleine endlich rauskommt, aber die Bestimmende und die Einfühlsame schafften es immer wieder in ihrer eigenen Art, sie zu motivieren (und ich glaub ich hab auch meinen Anteil dazu beigetragen, dass u.a. die Augen noch drin sind )
Nach einiger Zeit war dann der Chefarzt dauerhaft da und da der kleine Prinz unbedingt nach oben schauen wollte wurde die Pumpe rangeschafft. Die kleine Sch***-Pumpe taugte nix und dann wurde die große Fahrbare rangeschafft. Da er auch noch zu weit oben bzw. vorne am Bauch lag fing die Bestimmende an, wie verrückt am Bauch rumzudrücken und sich voll mit dem Ellenbogen draufzulehnen (Nur während den Wehen aber es sah trotzdem brutal aus).
Schlussendlich waren dann gefühlte 283 Leute im Kreißsaal. Realistisch waren es glaub ich: Die Bestimmende, die Einfühlsame, die Ärztin (die Strenge – „Doch Frau XXX, sie können noch“), der Chefarzt (der Realist – „Das Baby muss jetzt raus“), der Kinderarzt (der Ruhige, der ne Weile nix gesagt hat und dann auf einmal ganz viel, zusammengefasst war es in etwa „alles ok“), die Kinderarztgehilfin (die wohl im praktischen Jahr war und nur geschaut und nix erzählt hat), noch ne Hebamme und noch ne Ärztin. Insgesamt also acht Leute und das XXX-Duo bzw. Trio.
Joa dann war der Kleine auch da und alles war Gut. M. + I. hatten Feierabend und die neue Hebamme S. kam rein. Die hat dann auch noch den kleinen Mann vermessen und abgewogen.
Angelegt wurde auch gleich noch, Frau wurde untenrum versorgt und wir hatten bissl Zeit und Ruhe für uns Drei. Dann ging‘s wieder hoch ins Zimmer und für Lukas war es auch gleich die erste Fahrstuhlfahrt. Die Schwestern haben Mama + Sohn gut umsorgt und so ging es fast die ganze Woche weiter.
An diesem Punkt werde ich auch enden. Bei uns läuft alles, bis auf den Schlafmangel, gut, Sohn und Eltern sind wohlauf und so ganz langsam pendelt sich alles ein.
Vielen Dank für die Bereitstellung dieses tollen und ausführlichen Geburtsberichtes. Besucht Mama Schaf doch bitte mal hier: http://laemmchen.wordpress.com/

2 thoughts on “Das große Warten

  1. Eine tolle Geschichte. Und vor allem spannend… als Sanitäter bekommt man eingetrichtert, dass der Patient nach dem Blasensprung nicht mehr gehen soll 😉

    Bin ja schon gespannt wie es uns gehen wird 😀 Auf jeden Fall spüle ich kein Geschirr mehr!!!! 😀

  2. Ja das ist wirklich spannend. Also das mit dem Blasensprung ist nur bedingt richtig… wenn das Kind noch nicht richtig im Becken liegt… dann stimmt das auch so, wegen eines Nabelschnurvorfalls 🙂

    Alles Liebe für euch <3

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