Das Continuum-Concept

1. Habe Respekt, für das Kind, für die Natur, für Dich selbst.

  • Versuche das Richtige instinktiv herauszufinden, und handle danach.
  • Sei geduldig mit Dir, mit dem Baby und allen anderen Personen und Situationen.
  • Glaube Deinem unverbildeten Instinkt, und nicht den vermeintlichen Fachleuten.
  • Glaube Deinem Baby, wenn es schreit, und nicht irgendwelchen Experten.
  • Das Baby ist ein größerer Experte als alle Fachleute (sein Instinkt ist unverbildet). Wir behandeln das Baby allzu oft wie einen Feind (Schreien lassen, etc.)
  • Wenn Babys in die Wiege, das Bett oder den Kinderwagen abgelegt werden, beginnen sie oft zu schreien. Das ist eine natürliche Reaktion, weil sie die körperliche Nähe zum lebendigen Menschen suchen. Wir erwarten von den Babys aber, daß sie alleine liegen sollen und lassen sie alleine in der Wiege oder im Kinderwagen liegen, auch während des Tages. Wir erwarten auch, daß sie sich zudem still verhalten sollen, und wir versuchen, sie still zu halten durch wenig geeignete Maßnahmen wie z.B. in der Wiege oder im Kinderwagen, anstelle sie an den Körper zu nehmen.
  • Wenn Tierbabys schreien, akzeptieren wir, daß die Tiermutter zu den Babys kommt. Nur bei unseren Babys glauben wir, sie (wider der Natur) schreien lassen zu müssen.
  • Tipp für Baby-Schreien stoppen: mit gespitzten Lippen ins Ohr zischeln, Luft schnell raus und rein blasen.
  • Respektiere die Natur und die menschliche Natur. Disziplin und Kooperation beim Kind werden sich dann einstellen, ohne diese fordern oder anlernen zu müssen.

Kinder

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2. Vermittle dem Baby / Kind stets das Gefühl, “wertvoll ” und “willkommen” zu sein.

  • Mache nichts (sagen, spüren lassen; verbal oder nonverbal), was dem Kind das Gefühl vermittelt: Ich bin nicht “richtig”; Ich bin falsch (im Sinn von ‘nicht den Erwartungen entsprechend’); Ich bin schlecht; Ich bin böse, etc.
  • Schelte und diszipliniere Dein Kind nicht (denn dies bedeutet: “Du bist schlecht; Du bist nicht “richtig”), sondern ignoriere Fehlverhalten und dramatisiere nicht. Lebe das gewünschte Verhalten vor, denn Kinder wollen nichts anderes als nachmachen, um Mitglied der Gruppe zu werden.
  • Das Kind glaubt bedingungslos, was Du über das Kind sagst und vermittelst (Gutes, wie auch Schlechtes). Es glaubt Dir mehr als sich selbst. Eltern sind in den Augen der Babys absolute und höchste Autoritäten. Alles was Eltern sagen und tun, wird vom Baby als richtig anerkannt. Das eigene Verhalten wird als falsch bewertet oder angezweifelt. Babys schreien und drücken damit aus: “Bitte halte mich”. Die Mutter aber sagt: “Sei ruhig” und vermittelt damit dem Baby das Gefühl: “Ich mag meine Mutter, aber sie mag mich nicht.” Dies bewirkt, daß sich Babys falsch fühlen, denn die Mutter hat ja als Autorität recht. Und dieses gegen sich selbst gerichtete Gefühl wirkt bis ins Erwachsenenalter hinein.
  • Das Wichtigste ist, das Kind soll an sich selbst glauben (können).
  • Der Einfluß der Eltern ist wesentlich stärker als die Umgebungseinflüsse (Großeltern, Nachbarn, etc.), die eventuell nicht entsprechend den Kontinuum-Empfehlungen handeln. Habe Geduld mit anderen Personen, die entsprechend Ihrer Prägung, Eltern- und Kindheitserfahrung Dein Kind anders behandeln. Versuche, ihnen langsam die Kontinuum-Empfehlungen nahezubringen.
  • Auch wenn nur eine nahestehende Person dem Kind zeigt, daß es “richtig” ist, ist dies ausreichend für eine gute Entwicklung. Ideal wäre natürlich, wenn die ganze soziale Umgebung nach Kontinuum-Empfehlungen handelt.
  • Der Mensch soll sich stets wertvoll und willkommen fühlen, als Baby wie als Erwachsener. Die meisten Menschen in der zivilisierten Welt empfinden in unterschiedlicher Ausprägung, daß sie nicht gut genug sind, daß sie nicht “richtig” sind. Wer sich selbst nicht gut fühlt, wer sich selbst nicht mag, der wird sich auch antisozial verhalten.
  • Wir behandeln unsere Babys und Kinder oft unangemessen. So wie wir Babys und Kinder behandeln, können sie sich nicht willkommen und wertvoll fühlen, denn wir tun ihnen Gewalt an. Sogar in besten Familien lassen sich die Eltern von Experten reinreden, wie Kinder wider die Natur zu erziehen sind.
  • Trotz intensivem Bemühen schreit das Baby oft noch immer. Dadurch fühlen sich viele Eltern nicht “richtig” bzw. schuldig und werden verkrampft (“Ich mache alles für das Baby und trotzdem schreit es. Ich mache es nicht gut genug”). Dies überträgt sich auf das Kind, was dessen Schreien noch verstärkt. Die Ursachen dafür liegen oft in der eigenen Kindheit begründet, beim damaligen Verhalten der eigenen Eltern. Wir wurden von unseren Eltern dazu gebracht, uns schlecht / unrecht / nicht in Ordnung / falsch zu fühlen. “Bleib da”, “Bleib stehen”, “Hör auf zu schreien”, “Sei ruhig” – von Geburt an richten sich Eltern gegen Kinder, gegen die Natur. Aber jeder Mensch ist auf seine Weise “richtig” und wertvoll, doch die meisten Menschen zweifeln an sich selbst und haben Schuldgefühle, weil ihnen in der Kindheit eingetrichtert wurde, daß sie nicht “richtig” sind.
  • Wenn Kinder von Eltern schlecht behandelt werden, kann dies oftmals von den eigenen Verletzungen in der eigenen Kindheit stammen, und das ‘Baby im Erwachsenen’ sagt: “Zuerst will ich zufriedengestellt werden und dann erst soll das Baby etwas davon kriegen”. Oder: “Wenn ich es (Liebe, Nähe, Respekt, etc.) nicht gekriegt habe, soll auch mein Baby dies nicht kriegen”. Ein Lösungsansatz wäre: Dem Kind “experimentell” all jenes geben, was man selbst gerne bekommen wollte (Liebe, Nähe, Körperkontakt, eine korrekte Mutter-Kind-Beziehung, etc.). Die Umwandlung der falschen Einstellung kann sich dann leichter vollziehen.

3. Ermögliche Deinem Baby (im Idealfall) 24 Stunden Körperkontakt, zumindest solange das Baby nicht krabbelt.

  • Trage Dein Baby den ganzen Tag am Körper (im Arm, im Tragetuch, Schlafen im Bett bei den Eltern, etc.). Auch andere Personen sollen Dich dabei unterstützen.
  • Nicht nur in der ersten Stunde nach der Geburt ist der intensive (Haut-) Körperkontakt mit der Mutter für die Entwicklung des Babys wichtig (Bonding), sondern aus dem gleichen Grund ist dieser Körperkontakt natürlich auch im gesamten folgenden Lebensabschnitt von grundlegender und elementarer Bedeutung. Dies wird aber von den “Experten” und allen “wohlmeinenden Ratgebern” (Großeltern, Ärzte, Industrie , Werbung, etc.) nicht erkannt. Die Folgen des Alleinseins (Brutkasten, Kinderzimmer, Milchfertignahrung anstelle Stillen, im Gitterbett liegen, alleine schlafen lassen, schreien lassen, Kinderwagen fahren, künstliche Musik anstelle der mütterlichen Herztöne, Laufstall, etc.) hat das Baby sein Leben lang zu ertragen.
  • “Rooming In” (mit Baby-Bett neben dem Mutter-Bett) ist unzureichend: die Mutter weiß, wo das Baby ist, aber das Baby weiß nicht, wo die Mutter ist.
  • Ein Baby soll in der Tragephase (ca. 12 Monate) alle Bedürfnisse erfüllt bekommen, denn es soll sich zu 100% willkommen fühlen. Die vollständige Erfüllung der Bedürfnisse in einer Entwicklungsstufe ist die Voraussetzung für das “gesunde” Erreichen des nächsten Entwicklungsschrittes. Ein Kind wird dadurch ausgeglichener werden und nicht neidisch sein. Es wird eher von sich aus teilen und in natürlicher Weise kooperativ sein als jenes Kind, welches unerfüllte Bedürfnisse hat.
  • Fühle Dich “richtig” und “o.k.”, wenn Du das Baby trägst. Fühle Dich nicht schuldig in irgendeiner Form dabei. Heiße das Baby willkommen, laß es sich wertvoll fühlen.
  • Seitliches Tragen ist sinnvoll, denn dabei kann das Baby alles beobachten und daraus lernen.
  • Bewege Dich viel mit dem Baby, auch wenn es schläft (ins Freie gehen, laufen, tanzen).
  • Jeder Mensch muß Energie entladen (z.B. durch Bewegung, Sport, Sex, Arbeit, Tanzen, Hektik, etc.). Ein Säugling hat aber noch keine Möglichkeit (solange er nicht krabbelt), diese Energie durch Bewegung (außer zappeliges Strampeln) zu entladen, hat dies aber auch notwendig. Beim Tragen des Babys am Körper und durch gemeinsames schnelles Bewegen kann die Mutter über das gemeinsame Energiefeld (durch Körperkontakt) die Energie für beide entladen. Mittelfristig ist dies ein wesentlicher Beitrag für ein ausgeglichenes Kind.
  • Verrichte alle Deine Tätigkeiten in normaler Weise gemeinsam mit dem Baby, so als wäre das Baby gar nicht an Deinem Körper. Allzu sorgsames Tragen und Handhaben zeigt dem Baby: “Ich bin zerbrechlich”.
  • Laß das Baby immer am Geschehen teilhaben. Das Baby sollte überall dabei sein (mitten im Geschehen), um soviel wie möglich von seiner Umgebung und seinen Bezugspersonen zu lernen.
  • Richte Deine Tätigkeiten und Handlungen auf die Erwachsenenwelt aus, und nicht in besonderer Form abgestimmt auf das Baby. Das Baby soll die normale Erwachsenen-Welt kennenlernen und nicht eine auf das Baby konzentrierte Welt.
  • Laufe nicht hinter dem Baby her, sobald es krabbeln bzw. laufen kann, und konzentriere Dein Handeln nicht auf das Baby. Das Baby selbst wird hinter der Mutter herlaufen, denn es möchte nicht allein, sondern Teil der Gruppe und mitten im Geschehen sein.
  • Was gut ist für das Baby, ist auch gut für die Mutter (so sollte es zumindest sein, wenn der Natur entsprechend gehandelt wird). Umgekehrt, was gut ist für die Mutter, ist auch gut für das Baby. Der Alltag mit dem Baby sollte Freude spenden, und kein Kampf gegen das Kind sein.

4. Habe Vertrauen und Zutrauen zum Baby / Kind.

  • Vertraue auf die Fähigkeiten Deines Babys / Kindes.
  • Was wir erwarten, wird auch eintreten (positiv wie auch negativ).
  • Erwarte von Deinem Kind, daß es “gut” ist, und es wird “gut” sein. Lobe besonderes Verhalten nicht, sondern erwarte ganz einfach vertrauensvoll gutes Verhalten als Normalität.
  • Übertrage dem Kind mit Vertrauen viele Aufgaben. Wenn das Kind verweigert, ignoriere die Verweigerung und erledige die Aufgabe selbst. Durch die Ausgrenzung wird das widerspenstige Kind die Bedeutungslosigkeit seines Handelns erkennen.
  • Gib Deinem Kind die Chance, seine Welt eigenständig in seinem eigenen Rhythmus zu erfahren.
  • Unterbrich bzw. beende nicht unnötig sein Spiel oder seine Handlungen.
  • Hilf Deinem Kind nicht unnötig, interveniere nicht unnötig (außer bei Gefahr im Verzug).
  • Wenn dem Kind kein Zutrauen geschenkt wird, wird es kein Selbstvertrauen entwickeln. Ein ewiges “Paß auf !” ist schädlich und hinderlich für die Entwicklung des Selbstvertrauens.

Ein Beispiel: Ein circa 18 Monate altes Kind klettert auf eine sehr schmale Mauer zwischen einem Kinderschwimmbecken und dem tiefen Becken. Jean bittet die anwesenden Personen, nicht helfend einzuschreiten, nicht direkt hinzusehen und dem Kind keine offensichtliche Aufmerksamkeit zu schenken. Das Kind blickt sich um, ob jemand schaut. Da dies nicht der Fall ist, klettert es für seine Verhältnisse sicher auf der schmalen Mauer weiter bis hin zu einem Springbrunnen, an dem es sich aufrichtet. Als es wieder auf der schmalen Mauer mitten im Wasser umkehrt und ohne ins Wasser zu stürzen zurückklettert, nähert sich die nervös wirkende Mutter. Als das Kind die verängstigte Mutter erblickt, gibt es sein sicheres Verhalten auf, ruft “Oh Mammi” und läßt sich hilflos in die Arme der Mutter fallen.

Erklärung: Das Baby glaubt der ängstlichen Mutter mehr als sich selbst (die Eltern sind die größte Autorität für das Kind), verliert plötzlich beim Anblick der Mutter das ihm eigene Selbstvertrauen und fällt in das Verhalten eines früheren und damit unsichereren Entwicklungsstadiums zurück (Regression = rückläufige Entwicklung). Es traut sich seine eigene bisher erworbene Fähigkeit und Verantwortung plötzlich nicht mehr zu.

Schlußfolgerung: Wenn eine Bezugsperson nervös und unsicher agiert, kein Zutrauen in das Kind hat und damit dem Kind vermittelt, “Du schafftst es nicht”, glaubt auch das Kind, das es für die zu bewältigend Aufgabe unfähig ist. Das Kind wird sich nicht trauen, läßt sich fallen oder wird stürzen, es fällt in einen Hilflosen-Zustand. Wenn ein Kind Neues erforscht oder erprobt, schaut das Kind oftmals zur Aufsichtsperson zurück und erfragt dadurch “Wie soll ich mich fühlen?”. Eine ängstliche und allzu beschützende Aufsichtsperson wird dabei das Kind immer hemmen, seine Fähigkeiten zu erweitern.

  • Wenn das Kind stürzt oder sich anschlägt, dem Kind keine Aufmerksamkeit bzw. Bühne geben (solange es vertretbar ist). Das Kind soll selbst die Verantwortung für sein Verhalten bzw. seine Sicherheit übernehmen. Oftmals schaut ein Kind erst um Zuschauer, bevor es dann zu weinen beginnt.

5. Tue nichts für das Kind, was es selbst tun kann (in liebevoller und konsequenter Haltung).

  • Es ist für den Lernprozeß des Kindes sehr hinderlich, es beständig zu unterstützen, ihm behilflich zu sein, es übermäßig zu schützen. Dies raubt ihm die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen bzw. bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen. Auch wenn eine Handlung durch bewußtes Nichthelfen länger dauert, macht es nichts, denn so lernt das Kind und macht seine Erfahrungen.
  • Das Kind soll Fehler machen dürfen, es soll die Lösungen selbst herausfinden.

Ein Beispiel aus der Tierwelt: Jean hat kleinem Babyaffen eine Banane abgeschält, um ihn zu füttern. Der Affe hat die Banane zur Hälfte gegessen. Sobald der erste Hunger gestillt war, hat der Affe dann aber die restliche Banane in ein im Käfig liegendes Papier gewickelt, und ist danach im Käfig herumgelaufen. “Plötzlich” hat er die eingewickelte Banane freudig “entdeckt”, sie ausgepackt, abgeschält und fertiggegessen.

Erklärung: Zuerst hat der Affe begierig den Hunger gestillt, danach aber auf seine Weise seine anderen Bedürfnisse gestillt, nämlich Nahrung suchen (Jagen), Nahrung finden (Sammeln), sie schälen und danach essen. Handlungen befriedigen scheinbar oft nur ein Bedürfnis, in Wirklichkeit aber oftmals viele. Durch z.B. beschützende Intervention, Störung, Unterbrechung beim Spielen (= Lernen) verhindern wir bei unseren Kindern eine mehrschichtige Erfahrungssammlung.

Schlußfolgerung: Das Kind soll selbst seine Möglichkeiten und Fähigkeiten erproben dürfen, auch wenn es Fehler macht und zuerst vielleicht an der Aufgabe bzw. am Vorhaben scheitert (beim Krabbeln, Gehen lernen, Umwelt erforschen lernen).

  • Laß das Kind nicht die Kontrolle über Dich bekommen. Kinder versuchen laufend, die Grenzen zu erforschen. Zwar mit Liebe und Achtung, aber mit Nachdruck seine ungebührlichen Wünsche ablehnen. Deine bisherige Handlung einfach ruhig weiterführen (kontinuierlich und unbeeinflußt), ohne das Kind um eine Entscheidung zu bitten (das Kind darf nicht der Boß sein). Trotzdem durch Berührung oder freundlichen Blickkontakt dem Kind zeigen, daß es willkommen ist, ohne Deine eigentliche Handlung zu unterbrechen.
  • Laß Dich später nicht vom Kind für seine Interessen einspannen (z.B. stellvertretendes Austragen eines Streites mit anderen Kindern, etc.)
  • Laß die Kinder allein, wenn sie streiten, und gehe weg (soweit keine Gefahr in Verzug ist). Ergreife nicht Partei, denn sie sollen den Konflikt selbst regeln. Kinder wollen oft, daß Erwachsene etwas (die Konflikte) stellvertretend für die Kinder erledigen und für die Kinder kämpfen sollen. Die Kinder sollen sich selbst arrangieren.
  • Bei Spielen mit Gewalt, mit Waffen und Kriegsspielzeug: Beobachte die Motive und den Gesichtsausdruck beim Spielen. Wenn Zorn und Aggressivität erkennbar sind, deutet dies auf innere Aggressivität hin. Andernfalls ist das Kriegsspiel die Imitation einer bestimmten Form eines Spiels ohne Aggressivität.

6. Diszipliniere Dein Kind nicht unnötig.

  • Um in unserer Gesellschaft zu funktionieren, wird im Rahmen der Erziehung durch Taktik, Verhandlung, Drohung, Bestechung, Strafe gegen unsere vermeintlich normale, unsoziale und undisziplinierte Art vorgegangen. In Wirklichkeit sind wir Menschen von Geburt an und von Natur aus zutiefst sozial. Wir müssen nicht durch sogenannte Erziehung sozialisiert werden. Die Ursache, warum unsere Kinder oft so unsozial wirken und agieren, was den Eltern das Leben so schwer macht, liegt in der Babyzeit. Wenn Babys schreien, wollen sie aufgenommen und gehalten werden. Sie brauchen körperliche Nähe, bei Tag und bei Nacht. Ungestillte Bedürfnisse bewirken ein unausgeglichenes Gefühlsleben und Verhalten.
  • Disziplin muß nicht ausdrücklich vom Kind gefordert werden, es genügt, wenn man erwartet, daß sich das Kind diszipliniert und sozial verhält, und es wird sich so verhalten. Kinder verhalten sich oft deswegen unsozial, weil sie merken, daß wir ihr unsoziales Verhalten insgeheim erwarten. Ein Beispiel: “Heb sofort deine Spielsachen auf !” Der Tonfall teilt dem Kind mit, daß man das Befolgen der Aufforderung gar nicht erwartet. Es entsteht ein Spiel, das Kind testet, wie oft es die Mutter zum Wiederholen bringen kann. Ein Kind weiß genau, wie es die Erwachsenen dazu bringt, sich zu wiederholen.
  • Eine Aufforderungen an das Kind immer nur 1 mal sagen, niemals mehr als 1 mal. Die Aufforderungen nicht vorwurfsvoll aussprechen. Wenn das Kind nicht kooperiert bzw. es die Anweisung nicht befolgt, soll man dieses Verhalten ignorieren. Entweder ohne Kommentar (schimpfen, erklären, schelten, strafen) und ohne Gefühlsregung (Wut, Ärger) das Aufgetragene selbst durchführen, oder etwas ganz anderes machen. Damit wird das Kind außerhalb des Geschehens gestellt und durch die eigene kommentarlose Erledigung wird seinem Widerstand (Spiel) die Bedeutung und Wichtigkeit genommen. Da ein Kind sehr sozial ist, kann es diesen Ausschluß nicht ertragen, und es wird zukünftig eher folgen. Das Kind wird bald erkennen, daß man nie etwas mehr als 1x sagt. Es wird außerdem erkennen, daß sein Widerstand keine Reaktion zur Folge hat (das Spiel nicht spielen), damit wird dieses Verhalten uninteressant.
  • Ignoriere Protest-Schreien, Widerstand und Weinen und erledige ruhig und entschlossen erforderliche Verrichtungen, auch wenn das Kind rebelliert. Deine ruhige und konsequente, jedoch respektvolle und aggressionslose Handlungsweise zeigt dem Kind, daß seine Spielchen erfolglos sind. Dies bewirkt einen Erziehungsprozeß, und das Kind wird beim nächsten Mal eher kooperieren.

7. Es liegt in der Natur eines Kindes, von sich aus zu lernen. Es ist nicht natürlich, etwas zu lehren.

  • Meistens ist die Mutter in den ersten Jahren allein zu Hause beim Kind. Die Isolation während des Tages ohne andere Personen ist ungesund für alle, denn die mangelnde Kommunikation ist frustrierend und bietet für alle zuwenig Anregung. Viel besser wäre es, in einer Gemeinschaft von Erwachsenen und Kindern (Großfamilie, Familiengemeinschaft) zu leben. Ein Zusammenschließen (gemeinsames Arbeiten im Haus, Garten und Haushalt) und Verbringen der Zeit mit anderen Müttern, Freundinnen oder Nachbarn wäre ebenso sinnvoll. Die Kinder sollten herumlaufen können und dabei lernen. Es entspricht nicht der menschlichen Natur, allein zu sein und keine oder wenig Anregungen für Mutter und Kind zu erhalten. Es ist zwar in unserer Gesellschaft sehr schwierig, Gleichgesinnte zu finden, aber versuchen sollte man es trotzdem, um nicht allein bleiben zu müssen. Mach Dir die Mühe und versuche, jemanden zu finden. Akzeptiere nicht die Fadheit, die Einsamkeit und Schufterei durch die Isolation mit dem Baby.
  • In solchen Gemeinschaften kann das Kind in einer Gemeinschaft mit vielen Erwachsenen aufwachsen und kann lernen, daß Erwachsene das tun, was für sie angemessen ist. Es ist sehr wichtig, nicht dauern auf das Baby konzentriert zu sein, sondern in der Erwachsenenwelt zu leben, Erwachsenentätigkeiten zu verrichten und mit anderen zu reden und zu lachen. Das Baby sollte mitten im Geschehen sein, aber selbst nicht Zentrum der Aufmerksamkeit sein, während alltägliche Tätigkeiten verrichtet werden. Das Kind entnimmt aus der Erwachsenenatmosphäre entsprechend seiner Entwicklungsstufe all das, was es braucht um zu lernen.
  • Kinder lernen, ohne etwas gelehrt bekommen zu müssen (wie beim Lernen der Sprache). Etwas Tun (wie sprechen) genügt, um es zu erlernen. Nicht explizit lehren, wie z.B.: “Das ist ein Hund, und der Hund bellt.” (das Kind erwartet diese Form nicht). Sprich nicht in der Babysprache mit dem Kind, sondern in der Erwachsenensprache. Kinder nehmen alles selbsttätig auf, was sie hören. Eine Fertigkeit korrekt vorleben genügt. Vertraue darauf, daß das Kind durch Beobachtung der Erwachsenen selbsttätig alles ihm entsprechende aufnimmt, ohne besondere Unterweisung. Natürliches Lernen ist hören, sehen und nachmachen. Berichtige und korrigiere nicht ständig das Kind, denn Kinder fühlen sich dadurch nicht “richtig”. Je geringer der Streß, desto besser lernt das Kind.
  • Mit jedem Jahr der Entwicklung hilft das Kind immer mehr im Haushalt mit und erfreut sich daran. Es ist dabei glücklich und macht alles freiwillig mit gutem selbstsicherem Gefühl, ohne zur Mithilfe gezwungen zu werden. Denn es liegt in der Natur des Kindes, zu helfen, ohne um Hilfe gebeten zu werden. Aber das Helfen muß zugelassen und unterstützt werden. Wenn die Führung des Kindes entsprechend passend gestaltet war, leistet ein 4-jähriges Kind einen größeren Beitrag im Haushalt als es kostet.
  • Kinder wollen helfen und nachmachen, bedürfen aber keiner besonderen Aufmerksamkeit, sobald sie etwas Neues oder Besonderes zustande gebracht hat. Zeige kein ausgeprägtes Lob oder Begeisterung, sondern betrachte diese Handlungen als “normal”. Sonst kann der Fall eintreten, daß die Kinder Handlungen der Belohnung und des Lobes wegen durchführen und nicht wegen der Sache selbst. Unabhängig davon ist positives Feedback und positive Unterstützung geeignet, das Selbstvertrauen zu stärken.

8. Kindergarten und Schule:

  • Die enge Verbundenheit des Kleinkindes mit der Mutter und dem Vater ist für die Entwicklung sehr wichtig, aber in unserer Gesellschaft werden Kinder mit 3 Jahren in den Kindergarten gegeben. Das Kind kann dann nicht mehr die Arbeitswelt der Erwachsenen erleben. Die Kinder sind im Kindergarten isoliert, denn der Kindergarten entspricht nicht der realen Welt.
  • Unsere Institutionen (Kindergarten und Schule) sind ungeeignet für die menschliche Natur, denn sie sind begründet auf eine Annahme über die menschliche Natur, die falsch ist. Auch die gesamte Gesellschaft mißversteht die menschliche Natur der Kindes, denn das Kind ist von Natur aus ein soziales Wesen.
  • Das Prinzip ist deswegen grundsätzlich falsch, weil dieses Prinzip kindzentriert ist, indem z.B. zwei Erzieherinnen bis zu 30 Kinder betreuen und ihnen verschiedene Beschäftigungen auftragen (malen, zeichnen, spielen, etc.).
  • Kinder sind von Natur aus erwachsenenzentriert. Sie wollen die Erwachsenenwelt beobachten und das Verhalten kopieren. Es wäre besser, wenn die Kinder in der Erwachsenenwelt leben dürften und lernen, wie sich Erwachsene untereinander verhalten, und nicht, wie sich Erwachsene den Kindern gegenüber verhalten (z.B. im Kindergarten).
  • Auch unser Schulsystem müßte komplett umgestellt werden, denn die Annahme, wie Kinder lernen, ist grundsätzlich falsch. In dem Moment, wo wir dem Kind sagen: “Setz’ Dich nieder, sei ruhig und hör zu !” oder “Paß auf und lerne !”, verhindern wir damit den wahren Lernprozeß. Denn das Kind lernt von Geburt an durch Beobachtung und Imitation.

9. Zusammenfassung und Ausblick:

  • Wir selbst kreieren eine asoziale Gesellschaft. Wir beklagen uns über die mißratene Jugend, über Menschen die nur ihren Vorteil suchen, Kriminelle, Sexualattentäter, usw. Wir bauen immer mehr Gefängnisse und stellen immer mehr Polizisten ein, anstelle das Übel an der Wurzel zu packen.
  • Was können wir dagegen tun: Achten wir die Natur und die Bedürfnisse unserer Babys. Geben wir ihnen die Möglichkeit eines umfassenden Körperkontakts als Zeichen der Geborgenheit. Zeigen wir ihnen stets, daß sie willkommen, wertvoll und liebenswert sind. Seien wir Vorbild in einer positiven Haltung. Haben wir Zutrauen zu den Fähigkeiten unserer Kinder. Fördern wir die gesunde Entwicklung ihres Selbstvertrauens und ihres Verantwortungsbewußtseins für sich selbst und die Gesellschaft. Geben wir ihnen Raum, auf natürliche Weise zu lernen. Achten wir die Persönlichkeit unserer Kinder genauso wie wir Achtung von ihnen erwarten. Unsere Liebe soll sie nicht erdrücken.
  • Zwei Dinge können wir unseren Kinder auf den Weg mitgeben: Wurzeln und Flügel.

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