Die spinnen, die Eltern…

Wie Angst und Ehrgeiz die Kindheit auffressen: Viele Eltern überfordern sich und ihre Kinder mit ihren überhöhten Ansprüchen an Sicherheit und Leistung

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Das allergrößte Wunder ist ja, dass es in diesem Land heute überhaupt noch Erwachsene gibt. Es ist schlichtweg nicht zu erklären, wie all diese Menschen ihre Kindheit überlebt haben: Saßen unangeschnallt auf dem VW-Rücksitz. Trugen keine Helme beim Radfahren. Waren nachmittags unbeaufsichtigt draußen. Auf Spielplätzen ohne angeschlossenes Muttercafe! Manche Kinder machten angeblich Lagerfeuer, ja es soll welche gegeben haben, die alleine auf hohe Birken kletterten und dort mit Hämmern und Nägeln Baumhäuser gebaut haben. Mit Nägeln! Aus tödlich spitzem Stahl!

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Das zweite Wunder ist, dass viele Überlebende auch noch Berufe haben, ja zuweilen eine Fremdsprache beherrschen oder mit anderen Fähigkeiten aufwarten können. Dabei sind die allesamt nur in die Sprengelschule gegangen, in der völlig durchschnittliche Lehrer ihrer Arbeit nachgingen. Kein pränatales Lernen, kein zweisprachiger Kindergarten, kein Austauschjahr, keine Privatschule.

Warum nur gleicht Erziehung heute in so vielen Fällen pädagogischer Käfighaltung? Warum glauben viele Eltern, sie müssten 24 Stunden am Tag als welterklärende Mediatoren um ihre Kleinen herumwuseln? Warum schaffen sie es nicht, die Kinder einfach mal sich selbst zu überlassen? Wer jetzt sagt, in früherer Zeit habe es aber auch weniger Autos gegeben und weniger Missbrauchsfälle, der irrt: Es gibt zwar heute mehr Autos, aber es sterben weit weniger Kinder im Straßenverkehr als zum Beispiel in den siebziger Jahren. Und es gibt auch nicht mehr Missbrauchsfälle. Nur sehr viel mehr Angst vor Missbrauch als damals.

Liegt es daran, dass heute geborene Kinder das Glück und das Pech zugleich haben, perfekt getimte Wunschkinder zu sein, statt wie früher als Nebenprodukt des Geschlechtsverkehrs einfach irgendwann geboren zu werden? Jedenfalls sitzen viele Eltern vor dem Kind wie vor dem ultimativen Lebenswunder. Das muss dann aber auch bitte schön den ultimativen Lebensweg hinlegen. Weshalb man alles überwachen muss, den Schulweg, den Schulalltag und am besten noch die Psyche des eigenen Kindes.

In dieser Zeitung erschien mal ein Text über die neuesten Auswüchse der Kindersicherheitsindustrie: GPS-Armbändchen für Neugeborene, zum Schutz vor Verwechslungen. Kinderhandys mit speziellen “Betreuungsfunktionen”. Man kann darin Radiusgrößen eingeben, die das Kind nicht überschreiten soll. Tut es das dennoch, wird automatisch eine SMS auf das Smartphone der Eltern geschickt. Diverse Kleidungsstücke mit Peilsendern lassen sich ähnlich programmieren. Weicht das Kind mehr als 20 Meter vom Schulweg ab, geht der Alarm los.

Nach dem Verfassen dieses Textes, der eindeutig im Ton des ironisch-skeptischen Kopfschüttelns geschrieben war, wie bunt und seltsam ist doch die Welt, stand das Redaktionstelefon nicht mehr still. Eltern, Großeltern, Pateneltern riefen hier an und wollten wissen, wo man all diese fabelhaften Produkte kaufen kann und welche denn am besten seien.

©pixelio.de/R. Krautheim

Ist das Kind sicher in der Schule angekommen, lauern neue Gefahren. Auf manchen Elternabenden an ganz normalen Grundschulen könnte man glauben, man wohne parlamentarischen Untersuchungsausschüssen bei. Da ziehen Väter Listen raus, wie denn gesichert werden könne, dass der eigene Sohn mit den Kindern von Ertl-Weidenbaums und Böringers in eine Klasse komme. Ob genug Lehrpersonal da sei, dass ein Betreuungsschlüssel von 1 zu 20 gewährleistet sei. Und warum es keine vegane Schulspeisung gebe. So unverschämt wie typisch der Starnberger Vater, der einer Lehrerin einen eingeschrieben Brief schickt, der Fünfer des Sohnes müsse ein Irrtum sein, schließlich käme das Kind aus einer Akademikerfamilie, falls es den Übertritt nicht schaffe, behalte die Familie sich rechtliche Schritte vor.

Schule wird da generell missverstanden als Dienstleistung, die Lehrerschaft hat den eigenen Schatz fit zu machen für den globalen Wettbewerb. Wir hatten ein Abitur bestellt, keine Mittlere Reife!

Wenn diese Drohkulisse nicht weiterhilft, wird der Nachwuchs aufgetunt. Einem Drittel aller Kinder werden heute ergo- psycho-, lern- oder sonstwietherapeutische Stunden verschrieben; über 20 Prozent aller Sechsjährigen, die bei der AOK versichert sind, bekommen Sprachtherapie verschrieben. Zehn Prozent haben angeblich ADHS. Und aus den USA rollt schon die nächste Modestörung zu uns herüber: Autismus- und Depressionsdiagnosen liegen im Trend. Nein, damit soll nicht gesagt werden, dass es solche Krankheiten nicht gibt. Aber kann es sein, dass heute soviel mehr Kinder gestört sind als früher? Haben sich nicht durch den angststarren Blick der Eltern einfach die Vorstellungen davon, was ein “normales” Kind ist, verengt?

Heute würde man wahrscheinlich mehr als die Hälfte aller Astrid-Lindgren-Kinder therapeutisch engmaschig betreuen: Michel aus Lönneberga? Eindeutig ADHS. Lotta aus der Krachmacherstraße? Dringend Ritalin verschreiben. Und ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie merkwürdig sich Tjorven aus “Ferien auf Saltkrokan” benimmt? Deren Eltern hätten doch längst mal einen Ergotherapeuten kontaktieren sollen. Aber die lassen die ja den ganzen Tag draußen rumlaufen, na, müssen sie selber wissen, wie diese schwedische Inselgöre später mal klarkommen soll.

“Kein Kind will nur spielen”, heißt es wortgleich im Bayerischen und Hessischen Bildungsplan, “es will auch mit realem Leben und ernsthaftem Tun beschäftigt sein.” Stimmt. Gewiss. Unbedingt. Und vielleicht wurde tatsächlich jahrelang in vielen deutschen Kindergärten zu wenig auf die frühkindliche Förderung geachtet. Aber wenn es dann in diesen Bildungsplänen von rechteckigen Begriffen wie Kompetenzerwerb, Zweisprachigkeit, Komplexitätszuwachs und Lerneffizienz wimmelt, hat man den Eindruck, dass all dieses Zeug den Ministerialbeamten von Globalisierungsängsten der Elternverbände eingeflüstert wurde.

Der Schweizer Kinderpsychologe Remo Largo spricht von “kollektiver Hysterie” heutiger Eltern – eigene diffuse Überforderungsängste in zugigen Zeiten würden auf den Nachwuchs übertragen. Oder wie es der Dichter Richard Wagner einmal in anderem Zusammenhang formulierte: “Angst ist eine Erzählung der Eltern”. In angstbesetzten Situationen reagiert der Mensch mit Angriff oder Flucht. Eltern versuchen oft beides zugleich: Pushen das Kind auf Teufel komm raus, damit es in der Welt bestehen möge. Und halten es gleichzeitig möglichst lang von eben dieser Welt fern.

Hier mal drei Erziehungsratschläge aus acht Jahren Elternschaft: Zeit. Zeit. Zeit. Zu füllen ist diese Zeit mit Nichtstun, vorlesen, zuhören. Oder einem Spaziergang am langen, ruhigen Fluss des Lebens – am besten ohne die Kinder. Die spielen nämlich gerade irgendwo, weit dahinten, am Flaucher.

Quelle: sueddeutsche.de

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